16/06/2026
„Den ersten Kolloquiumsvortrag zu einem neuen Thema vergisst man nicht mehr“,
so Prof. Dr. Frank Bösch vom ZZF Potsdam am 11. Juni 2026 im Oberseminar der Geschichte Osteuropas in Erlangen.
Für uns war es eine große Freude und Ehre, dass Frank Bösch sein neuestes Forschungsprojekt bei uns am Lehrstuhl vorgestellt hat. Im Zentrum seines Vortrags stand die Geschichte der Aufnahme jüdischer Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion in Deutschland seit den 1990er Jahren.
Prof. Bösch skizzierte die unterschiedlichen Perspektiven, aus denen er sich diesem Themenfeld nähert. Die Verwaltungsakten in den Archiven sprechen eine Sprache von Quoten und Begrenzungen, politischen und juristischen Vorbehalten sowie von teils überforderten Behörden. Seine Gesprächspartner:innen aus zahlreichen Interviews berichten dagegen von Tagen und Stunden, die sie in den Schlangen vor den deutschen Auslandsvertretungen in Kyjiw oder St. Petersburg verbrachten, von emotionalen Ankunftsgeschichten und von gebrochenen Berufsbiografien infolge nicht anerkannter Bildungsabschlüsse.
Auch die jüdischen Gemeinden in Deutschland verbanden mit der Zuwanderung große Erwartungen. Sie hofften auf eine Wiederbelebung jüdischen religiösen Lebens — und stellten zugleich fest, dass viele der aus der Sowjetunion stammenden Menschen ein säkulares Verständnis von Judentum mitbrachten.
Die Geschichte der Kontingentflüchtlinge zu erzählen, bedeutet daher, so Frank Bösch, auch eine Geschichte „gegenseitig enttäuschter Erwartungen“ zu schreiben.
Wir danken Prof. Dr. Frank Bösch sehr herzlich für den eindrucksvollen Einblick in ein laufendes Forschungsprojekt und für die anschließende anregende Diskussion.