02/02/2017
Was bedeutet es in Zeiten von ein zu sein? Hier ein sehr persönlicher Beitrag aus dem Leben der deutsch-iranischen Komikerin Enissa Amani
"Sc***ss (💩) auf den Stand Up. Was ist mit der Menschlichkeit (💓)?"
Ich sitze grade an der Zug-Haltestelle und schreibe diese kleine Geschichte für Euch, ist nur ins Handy getippt, verzeiht also wenn es nicht perfekt ist:
Mit 18 durfte ich endlich die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen.
Obwohl ich als einjähriges Mädchen mit meinen Eltern aus dem Iran geflohen war, hier den
Kindergarten, die Grundschule und das Gymnasium besucht und den Iran nie wieder gesehen hatte, war mir diese Beantragung erst mit 18 erlaubt.
Bis dahin hatte ich ein hässliches, graues Dokument auf dem in Großbuchstaben FREMDENPASS gedruckt war. Ich hasste es. In diesem Pass stand ich sei "staatenlos" mit permanentem Aufenthaltsrecht in Deutschland. Bei jeder Klassenfahrt, bei jeder Reise, bei jeder Behörde schämte ich mich zu Tode und zog mit hochrotem Kopf diesen grauen Pass aus der Tasche, der, wie mir schien, nichts weiter als meine ohnehin gefühlte Verlorenheit manifestierte.
Deutschland hatte uns aufgenommen, uns das Leben gerettet und war zu meiner Heimat geworden, nur dieses blöde Dokument schien trotzdem immer zu sagen, nein, du gehörst trotzdem nirgendwo wirklich hin.
Dann war es soweit, ich wurde 18. Nach etlichen Behördengängen und ewigen Wartezeiten, in Fluren, die die gleiche Farbe hatten wie mein Pass, erhielt ich ihn endlich, meinen Deutschen Pass !
Ach ja, die obligatorischen Sprachtests, habe ich vergessen zu erwähnen, die ich immer zu verhindern suchte, in dem ich der Dame vom Einbürgerungsamt kleinlaut erklärte "aber ich hab Deutsch LK auf dem Gymnasium" und die immer gleiche Antwort bekam "ist nur eine Formalität Frau Amani, Sie verstehen "ver-pflicht-end".
"Ja ich verstehe, ich verstehe, dass Sie(!) immer noch nicht verstehen, dass ich Ihrer Sprache genauso mächtig bin wie Sie selbst, mitsamt der, in ihr gebräuchlichen Latinismen "- aber sowas dachte ich nur und sagte lieber nichts und las brav aus dem mir vorgehalten Schriftstück vor, um meine "Sprachkenntnisse" formell unter Beweis zu stellen.
Na gut, sie macht auch nur ihren Job.
Aber dann kam Er. Welches Glück, welchen Stolz ich empfand als mein glänzend, rechteckiger Perso zur Abholung bereit stand, der mir das Reisen und das Leben erleichtern würde! Keine Arbeitserlaubnis mehr beantragen nur weil ich als Aushilfe in einem Eiscafé jobben wollte.
Meine Mitschüler freuten sich damals alle über ihren Führerschein. Aber das ist doch nichts, dachte ich, im Gegensatz zu der Heimat, die mir nun offiziell bescheinigt war.
Einige Wochen danach bekam ich einen Brief, mit der Aufforderung nochmal in der Behörde zu erscheinen.
In der S-Bahn auf dem Weg dorthin überfiel mich eine Panik, vielleicht wollte man man mir die neuerlangte, langersehnte bordeaux-rote Dazugehörigkeit wieder wegnehmen.
Meinen Perso hatte ich vorsichtshalber hinter dem Haus verbuddelt. Falls man ihn wollte, konnte ich ja sagen, Nachbars Hund hat meine neue Heimat gefressen. Aber man hatte bloß vergessen mir ein Papier zu überreichen. Das sogenannte "Merkblatt für Mehrstaatler".
Ich las es durch. Darin stand, ich sei nun Deutsche. Allerdings könne jedes fremde Land nach eigenen Gesetzen und abhängig von den jeweiligen, diplomatischen Beziehungen entscheiden ob ich für sie Deutsche oder Iranerin sei.
"Waaaaaaaaasss ? Aber ich hab doch nicht einmal einen iranischen Pass!! Wie kann ich denn für irgendein Land Iranerin sein??"
Tränen liefen. "Was ist denn nun, bin ich nun Deutsche oder nicht? Ich habe doch sonst kein zu Hause! Mama, Papa und ich, wir können den Iran ja nicht mal besuchen, obwohl wir Oma seit 17 Jahren nicht gesehn haben, wie kann ich da Iranerin sein?!"
Frau Schmidt wurde sanft und beruhigte mich. "Sie sind Deutsche Frau Amani, aber der Iran gehört, wie einige wenige Länder auf der Welt, zu denen, die ihre Bürger niemals aus der Staatsbürgerschaft entlassen. Selbst wenn Sie nicht mal deren Pass besitzen, für die bleiben Sie Iranerin und das bedeutet, dass es Länder gibt, in die Sie zwar mit dem deutschem Pass einreisen können, aber wenn Ihnen dort zum Beispiel vor Ort was geschieht, können Sie sich nicht an das deutsche Konsulat wenden, uns sind dann da die Hände gebunden. Sie bleiben für immer Mehrstaatler"
Ich fragte noch welche Länder, außer dem Iran, das wären, die ihre Bürger nicht entlassen würden, und erfuhr, dass außer Iran, Irak, Lybien und anderen Pionieren der Freiheit auch zum Beispiel Argentinien und Uruguay so agierten.
"Gut, ich bin also Deutsche, außer ein fremdes Land sagt, nein für uns bist du Iranerin und weil wir die nicht cool finden (zu deutsch, kein passendes Wirtschaftsabkommen mit denen haben) musst du zum Beispiel ein Visum für uns beantragen, richtig?"
"Richtig."
"Ich kann also überall als Deutsche einreisen, außer in den Iran selber, richtig?"
"Richtig."
Na gut. Ich wollte mir die Freude nicht nehmen lassen. Schließlich gehörte ich zu beiden Ländern irgendwie, wurde von zwei Kulturen geprägt, also kann ich auch zwei Pässe haben.
Kurze Zeit später, ging ich in die iranische Botschaft und beantragte auch den iranischen Pass.
Wo ich meinen denn gelassen hätte fragte mich die iranische, männliche Version von Frau Schmidt und obwohl ich mich im iranischen Konsulat in Frankfurt, also auf iranischem Boden befand, antwortete ich frech, hab ich damals als Baby auf der Flucht verloren. Ihr wolltet meine Eltern inhaftieren, weil Papa Brecht liest und Mama Simon de Beauvoir.
Ich schluckte kurz und zählte 21, 22, 23, was denkst du dir eigentlich Mädchen, halt einmal deinen Mund dachte ich noch als ...
"Ja gut" ,der iranische Beamte wirkte eher genervt als wirklich beleidigt oder alarmiert und sagte, "Füll das aus, dann bekommst du deinen, neuen iranischen Pass in drei Wochen zugesandt."
Dann kam also der zweite Pass
Mit diesem flog ich dann das erste Mal in den Iran und fiel nach 17 Jahren glücklich Oma, die ich bis dahin nicht kannte, in die Arme.
Was für ein Glück, ein Pass und eine Oma! Es kann losgehen mit dem normalen Leben.
Bis gestern.
Nun erfahre ich, dass genau diese Mehrstaatler Situation mir für die USA zum Verhängnis wird.
Ich kann also nicht einreisen Herr Trump ?
Ich und Millionen anderer Menschen, weil sie uns als Gefahr einstufen?
Meine kleine Amerika Stand Up Tour im April, auf die ich so stolz war ist nun geplatzt, weil Sie zwischen zwei Orange Colorationen beschlossen haben uns zur Gefahr zu erklären?
Sc***ss auf den Stand Up. Was ist mit der Menschlichkeit ?
Millionen Iraner, Irakern, Libyer, Jemeniten Syrer, Somalier und Sudanesen und auch alle, die eine zweite Staatsbürgerschaft besitzen sind also pauschal eine Gefahr ?
Sie machen uns zur Gefahr! Zur verbalen Gefahr.
Geh doch bitte weiter Hochhäuser und Toilettensitze aus Gold bauen Junge.
Reality TV, ehrlich, das kannst Du, da seh ich Dich Mann, ganz im Ernst. Das' dein Ding.
Setz dich auf Kloschüsseln aus Gold und feier deine Inzucht Statements. Aber lass diese Weltpolitik. Bitte.
Die Welt hat auch so schon mit genügend Sc***sse zu dealen.
Kriege, Lobbyismus, Rassismus und immer noch Hunger und es war so schon schwer genug, Vertrauen in irgendeinen Politiker zu finden.
Wir alle sehnen uns schmerzhaft nach politischen Figuren mit der Weisheit eines Ghandi, eines Martin Luther King, eines Mandelas, eines Lincoln oder eines Salah ad-Din und müssen uns jetzt mit Dir Affen rumschlagen -bitte, lass es einfach.