17/08/2020
Stellungnahme des FachschaftsAusschusses Soziale Arbeit (FASA) zur Online-Lehre im Studiengang Soziale Arbeit
Soziale Arbeit ist eine praxisorientierte Profession. Die Arbeit mit Menschen zu gestalten ist eine Herausforderung. Sie erfordert Empathie, Fingerspitzengefühl, Erfahrung, methodisches und theoretisches Wissen aus mehreren Disziplinen und eine ganze Menge mehr. Das Studium der Sozialen Arbeit bereitet uns darauf vor, eines Tages wichtige Entscheidungen zu treffen. Wie verhalten wir uns in schwierigen Gesprächen? Welche Methoden können wir anwenden, um Konflikte zu lösen? Wie zeigen wir Respekt und Akzeptanz von Individualität und können gleichzeitig einen Spagat zu gesellschaftlichen Erwartungen bewältigen? Wir müssen im Studium eine Menge lernen, da wir später in unseren Jobs Verantwortung tragen werden.
Leider merken gerade viele von uns Studierenden, wie wenig wir in dem vergangenen Online- Semester gelernt haben. Durch eine Verlegung der Präsenz- auf Online-Lehre wird die Qualität unserer Ausbildung enorm gemindert. Vor dem Hintergrund, dass es nun zunächst so weitergehen soll, macht uns das sehr große Sorgen!
Wir tauschen uns nicht ausreichend aus, ein kritischer Diskurs fehlt fast gänzlich. Wir wachsen nicht über uns hinaus und begeben uns nicht in eine Reflektion unserer eigenen Fähigkeiten und Grenzen. Die wenigsten Module können überhaupt via Online-Plattformen abgehalten werden, da es auch um das eigene Ausprobieren, das Spüren von Stimmung und das Kennenlernen von menschlichem Verhalten und anderer Meinungen geht, wie zum Beispiel im Modul Gesprächsführung im vierten Semester. Jeder und jede Studierende lernt anders, aber durch das zur Verfügung stellen von Texten oder PowerPoint Folien, lernt niemand wie Gespräche geführt, Gefühle erkannt oder eigene Denkmuster durchbrochen werden.
Hinzu kommt eine oft mangelhafte Umsetzung der Lehrinhalte, da viele Lehrbeauftragte, Dozent*innen und Professor*innen ebenso wie Studierende oft überfordert sind mit der Anpassung der Lehrkonzepte. Wichtige Inhalte und Veranstaltungen fallen teilweise komplett aus. So finden z.B: keine Exkursionen zu Einrichtungen statt, in denen wir Praxisfelder, Arbeitsweisen und Netzwerke kennenlernen würden, die unsere Zukunft sein könnten. Prüfungsleistungen werden abgeändert, sodass es möglichst einfach ist und wenig Betreuung der Lehrkräfte benötigt. Zu viel wird nicht gelehrt! Zu wenig passiert!
Sicherlich haben wir auch solche Lehrkräfte, die sich über die Maßen hinaus bemühen, ein gutes Alternativ-Angebot für die Studentenschaft zu gestalten. Leider konnten wir beobachten, dass die Beteiligung der Student*innen bei z.B. Online-Seminaren nicht in dem Maße besteht, wie sie noch zu Zeiten der Präsenzlehre zu beobachten war. Auch hier gehen wichtige Lernerfolge verloren, weil es an Motivation, Diszipliniertheit, verfügbarer Zeit oder Energie mangelt. Ein mit Studierenden abgestimmtes Lehrkonzept halten wir hier für sinnvoller als ein Festhalten an bekannten, einfachen, günstigen und mittlerweile überholten technologischen Lösungen.
Ein Festhalten an Online-Lehre stellt eine Katastrophe für die Qualität der Ausbildung künftiger Sozialarbeiter*innen dar! Student*innen werden nicht ausreichend betreut, fühlen sich im Stich gelassen oder lernen elementare Bestandteile ihrer Profession gar nicht erst. Den FASA haben hierzu über alle Semester hinweg sehr erschreckende Informationen erreicht, auch z.B. bezüglich der Erreichbarkeit von Ansprechpersonen.
Wir vom FASA, die unter den schwierigen Bedingungen versuchen, Kapazitäten für freiwilliges Engagement freizusetzen, dürfen nicht einmal die Hochschule betreten, um dort einen Raum für unsere wichtige Arbeit zu finden. Wir setzen uns ein, von Zuhause aus, weil wir nicht zusehen wollen, wie unsere Profession Stück für Stück an Qualität verliert. Wir sprechen uns ausdrücklich dafür aus, dass ein Hygienekonzept erarbeitet wird, sodass die Studierenden wieder in die Hochschule gehen können, die wichtigsten Lehrinhalte wieder vermittelt werden und ein Anspruch hergestellt wird, auf das wir ein Recht haben. Es ist unverantwortlich, wenn es so weitergeht! Für diese mangelhafte Qualität zahlen am Ende die Adressat*innen der Sozialen Arbeit. Diejenigen, die sowieso schon die schlimmsten Folgen dieser Pandemie zu ertragen haben, sehen sich zusätzlich schlechter ausgebildeten Sozialarbeiter*innen gegenüber.
Unsicherheit und Angst prägen die Stimmung der Studierenden. Von finanziellen Sorgen und einem immensen emotionalen Stress überschattet, leiden die professionelle Motivation und Kreativität, ebenso wie kritisches Denkvermögen und Engagement. All das, was hervorragende Sozialarbeiter*innen auszeichnet, wird durch ein Festhalten an mangelhafter Online-Lehre zerstört! Und für all das zahlen die Studierenden weiterhin fleißig ihre Semesterbeiträge... Das ist unerhört!
Wir sprechen uns ausdrücklich aus für eine Rückkehr zur Präsenzlehre unter der Einhaltung von Hygienevorschriften und fordern dazu auf, den offenen Brief https://www.praesenzlehre.com/ von einer Vielzahl von engagierten Menschen ebenfalls zu unterzeichnen.