21/01/2022
„Du wirst es zwar für ungewöhnlich halten, daß ich Dir heute einen Liebesbrief schreibe […]“.
Oft erhalten wir Briefe von Menschen, die sich aufgrund von räumlicher Distanz nicht oft sehen können und vergessen dabei schnell, dass es keiner (großen) Entfernung bedarf, um einen Liebesbrief zu verfassen. Das ist auch bei unserem heutigen Liebesbriefbeispiel der Fall - denn der Verfasser und seine Frau sehen sich täglich.
Der Briefschreiber nimmt sich hier bewusst Zeit, um sich „über all das Gute, das [seine Frau ihm] bisher getan hat klar [zu werden]“ und begründet seinen Brief damit, dass „sich die vielen mit der Zeit angesammelten 'Dankeschön’s' viel besser in einem gelegentlichen Liebesbrief sagen lassen, als durch die sich ewig wiederhohlenden, abgestumpften Worte, denen man doch keine richtige Bedeutung zumißt, weil sie schon alltäglich geworden sind [...]."
Und Briefe sagen tatsächlich oft mehr als tausend Worte: Ein handschriftlicher Brief vermittelt bei seinem Empfänger sofort das Gefühl, dass die andere Person an einen gedacht, sich Zeit genommen hat, um sich die schönen Aspekte der gemeinsamen Beziehung zu vergegenwärtigen und um diese Gedanken schlussendlich aufzuschreiben. Neben dem formulierten Inhalt sind es auch Merkmale der äußeren Erscheinung – wie z.B. wertvolles Briefpapier, eine bewusst (ge)schönte Handschrift oder Zeichnungen – wodurch sich die Bemühung hinter einem Brief erkennen lässt. Liebesbriefforscherin Eva Wyss bezeichnet dies als „Metapher für die Ernsthaftigkeit und Tiefe des Gefühls“.
Habt ihr schon mal einen Liebesbrief an eine Person geschrieben, obwohl ihr euch oft seht?
Bild: CC-BY-SA Liebesbriefarchiv
Text: Kristin Kirsch (Praktikantin im Liebesbriefarchiv)