15/04/2026
Jüdische Kulturtage mit Länderschwerpunkt „Italien“ eröffnet
Europäische Kulturen sind seit Jahrhunderten untrennbar mit den Einflüssen jüdischer Kultur verwoben. Das Programm der Jüdischen Kulturtage Münster 2026 legt den Fokus auf jüdisches Leben in Italien.
Eröffnet wurde die Veranstaltungsreihe am vergangenen Dienstag im VHS-Forum von Bürgermeister Klaus Rosenau, dem (Ehren-) Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Sharon Fehr und einem der drei Vorsitzenden der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Münster, Prof. Dr. Johannes Schnocks, Uni Münster, sowie vhs-Direktorin Esther Joy Dohmen.
Länderschwerpunkte von den Niederlanden bis Tschechien, osteuropäische Traditionen der Stetl, Literatur erfolgreicher jüdischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller waren schon Themen der Jüdischen Kulturtage Münster, die seit 1996 alle zwei Jahre stattfinden. Esther Dohmen dankte dem Geschäftsführer der CJZ, Andreas Determann, und vhs-Fachbereichsleiterin Dr. Susanne Eichler für die inhaltliche und organisatorische Vorbereitung auch dieser Kulturtage.
Kunsthistorikerin Donatella Chiancone-Schneider aus Köln erinnerte mit einer Judäa-Capta-Münze, die anlässlich des römischen Sieges im Jüdischen Krieg (66–70 n. Chr.) geprägt wurde, an ein „Erobertes Judäa“ und an die riesige jüdische Diaspora im Rom. In Ostia Antica, dem Hafen von Rom, wurde die älteste bekannte Mikwe (Ritualbad) außerhalb Israels aus der Spätantike entdeckt.
Sie zeigte die Entwicklung von der Handschrift zur aufstrebenden Buchdruckkunst im Mittelalter und der Frühen Neuzeit, durch jüdische Buchdruckerfamilien gefördert.
Und sie erläuterte die italienische Geschichte der jüdischen scola, der Schule, die in venezianischer Tradition in der Synagoge auch ein jüdisches Lehrhaus und Bibliothek für die Gemeinde zur Verfügung stellte. Die Gebäude waren außen oft unscheinbar, innen kostbar ausgestaltet. Venetien und Venedig stellte sie in den Mittelpunkt ihres knapp 90-minütigen Vortrags vor einem interessierten Publikum.
Bereits im 5. und 6. Jahrhundert gab es Juden in Venedig, die von der Stadt jedoch in der Regel nur als Händler, aber nicht als Einwohner geduldet wurden. Jüdische Händler deutscher Herkunft mussten wie die übrigen Kaufleute aus dem Heiligen Römischen Reich im Fondaco dei Tedeschi wohnen, italienische Juden wohnten auf dem Festland in Mestre.
Das älteste jüdische Ghetto der Welt, abgeleitet vom Begriff geto, lag auf einer der Inseln Venedigs, auf einem ehemaligen Eisengießergelände, damals keiner guten Gegend. Dort wuchsen die schmalen Häuser bis zu acht Stockwerke in die Höhe und beherbergten eine wachsende Anzahl von zunächst 900 Menschen bis zu 5 500 Personen. Je nach Herkunft erhielten vor Vertreibungen und Pogromen geflüchteten Juden weitere räumlich abgeschlossene Bereiche. Dort konnten sie nur wenigen erlaubten Berufen nachgehen. Das Bankwesen und den Geldverleih haben diese Juden mit nach Venedig gebracht. Sie verliehen nicht nur Geld an die Signoria und die christlichen Bürgerinnen und Bürger, die Gemeinschaft musste auch ständig wachsende hohe Abgaben an die dortige Kommune zahlen.
Durch einen Erlass vom 29. März 1516, der den Juden einen festen Wohnplatz auf dem Gebiet des Gheto novo zuwies, entstand ein bis heute existierendes Viertel, in dem ein jüdisches Museum, Museo Ebraico di Venezia, an die Geschichte der Juden erinnert und für noch wenige dort lebende jüdische Familien eine Zukunft bieten will.
Erst mit der Aufhebung des Ghettos in Venedig durch Napoleon Bonaparte im Jahr 1797 konnten vor allem wohlhabende jüdische Familien in anderen Vierteln Häuser bauen.
Juden haben für die Einheit Italiens gekämpft. Unter der Herrschaft Mussolinis und der Nazi-Besatzung wurden viele Juden deportiert. Nach der Shoa kehrten nur wenige der nicht ermordeten Juden in das alte Gheto novo zurück.
Mit einer Filmvorstellung („Das Leben ist schön“) am Dienstag, 21. April, um 18 Uhr im Schloßtheater, wird an die Verfolgung und Ermordung auf besondere Weise erinnert, in Vorträgen über Emanzipation und Frauenbewegung, Rezitation mit Musik mit Texten Heinrich Heines an seine Italienreise von München nach Genua erinnert und kulinarische Spuren im Kochkurs mit Profi-Köchin Elke Schmitz verfolgt. Elke Schmitz hat eine Ausstellung und ein Kochbuch über die jüdischen Küchentraditionen geschrieben.
In Kooperation mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ermöglicht die Volkshochschule lebendige Zugänge zu Geschichte und Gegenwart jüdischen Lebens. „Wir schlendern zwischen venezianischen Gassen, verweilen bei literarischen Reiseerzählungen, jüdischem politischem Engagement und kulinarischen Traditionen“, freut sich VHS-Direktorin Esther Joy Dohmen über das vielfältige Programm bis Mitte Mai.
Infos unter stadt-muenster.de/vhs und in einem speziellen Flyer über Jüdisches Leben in Italien.