17/03/2021
Mit dem heutigen Bericht neigt sich unsere Auslandsserie nun dem Ende. Aber davor verschlägt uns noch ein Mal nach Moskau, zu unserem Studierenden Simon... 🌏📚🧳
[Alle Berichte wurden vor dem Ausbruch des Coronavirus verfasst und unsere Studierenden befinden sich aktuell wieder in Deutschland.]
Mein Auslandssemester beschloss ich als Freemover an der Higher School of Economics in Moskau zu verbringen, weshalb meine Vorbereitung von der meiner KommilitonInnen abwich. Mittlerweile ist aber auch die HSE eine Partneruniversität des Bachelorstudiengangs „Interdisziplinären Russlandstudien“.
Die aktive Vorbereitungsphase für mein Auslandssemester in Moskau begann nach Erhalt der Finanzierungszusage für mein Vorhaben, die ich vom Studienwerk Villigst bekam. Nachdem ich bereits auf der Website der Universität ausführliche Informationen zu Bewerbungsverfahren und weiteren Schritten, dem Kursangebot und den Unterkünften in Moskau gelesen hatte, war viel Vorarbeit der Recherche bereits geleistet. Da ich das Semester als Freemover bestritt, lief meine Bewerbung nicht über das International Office der Universität in Potsdam. Für diese Kategorie von Studierenden ist die Bewerbung bis Mitte Juni möglich, hierbei soll bereits eine Auswahl von Kursen auf Grundlage des Kurskataloges des noch laufenden Jahres geschehen, die jedoch bei der tatsächlichen Ankunft und Wahl der Fächer obsolet wird, deshalb lohnt es nicht hier zu viel Zeit zu investieren. Ein Durchblättern des Angebots kann jedoch Inspiration und Vorfreude auf das sehr breite Angebot an Seminaren und Vorlesungen in russischer und englischer Sprache stiften.
Um wie ich über Land nach Moskau zu fahren, bietet sich eine Fahrt mit einem der drei wöchentlichen Direktzüge von Berlin nach Moskau an, mit denen man entspannt und ohne lästige Gepäckbeschränkungen direkt in die russische Hauptstadt kommt. Knackpunkt hierbei ist nur der Transit durch Belarus, doch wenn man sich auch für dieses Land ein Visum besorgt, steht der Fahrt nichts mehr im Wege.
Das Ankommen verlief sehr entspannt, da der Weg vom Bahnhof zum Wohnheim nicht weit war und dort auch zu später Stunde viele der Formalitäten sogleich erledigt werden konnten. Eine große Erleichterung ist auch die einfache Registrierung direkt vor Ort, die nach jeder Ausreise oder Übernachtung in Hostels oder Hotels an anderen Orten des Landes nötig ist.
Die Zimmer im Wohnheim sind gut eingerichtet, relativ zentral gelegen und für einen unschlagbaren Preis von nur knapp 25 € pro Monat zu haben. Die Zimmer sind mit zwei Betten belegt, doch hatte ich Glück und war für eine ganze Weile Einzelbewohner.
Von der HSE wurden für ausländische Studierende Informationstage organisiert, die mir persönlich nicht wirklich weiterhalfen, da die gebotenen Infos eher allgemein zur Stadt und dem „so fremden Leben“ in Russland waren. Stattdessen begann nun die etwas stressige Phase des Stundenplanbaus, wobei hier die im Juni getroffene Vorauswahl keinerlei Hilf bot. Alle an der Uni angebotenen Kurse lassen sich irgendwo finden, nur leider nicht ganz übersichtlich in einer einheitlichen Datenbank. Da die Kurse von unterschiedlicher Dauer sind (das Studienjahr ist in 4 Abschnitte geteilt) und außerdem teils in unregelmäßigen Abständen stattfinden, kostete mich das Zusammensuchen der nötigen/gewünschten Kurse einige Zeit.
Die Kurse bestehen in der Regel aus einer Vorlesung + Seminar, wobei letzteres auch mal zwei Doppelstunden pro Woche im Anspruch nehmen kann.
Da ich durch die Vorgaben der heimischen Studienordnung auch in Moskau Kurse aus den verschiedensten Disziplinen besuchten musste, kamen für mich außerdem noch Ortswechsel dazu, denn die Fakultäten liegen über das Zentrum der Stadt verteilt, jedoch ist ein Wechsel zwischen zwei Stunden eigentlich nicht zu schaffen.
Das Studium von insgesamt 8 Kursen nahm schließlich einen großen Teil meiner Woche ein, wobei die Uni meist gegen 10:30 oder 12 Uhr begann, sich jedoch an zwei Tagen auch bis 21 Uhr zog.
Die gewählten Kurse aus den Bereichen Politikwissenschaft, Kunstgeschichte, Kulturwissenschaften, internationale Beziehungen und makroökonomischer Verkehrsplanung waren sehr unterschiedlich, was natürlich nicht zuletzt an den Dozierenden und Studierenden der jeweiligen Fachrichtung lag, mit denen ich nun in Kontakt kam. Die Art und das Niveau des Unterrichts unterschied sich meines Erachtens nach nicht sonderlich von dem, was ich aus Deutschland kannte, was mir den Einstieg vereinfachte. Letztlich belegte ich alle Kurse auf Russisch, was mich zum Glück vor keine Probleme stellte.
Als positiv empfand ich, dass in keinem Unterricht Unterschiede zwischen ausländischen Studierenden und den regulären gemacht wurde, was die Benotung oder die Anforderungen betraf. In einigen Kursen wurden relativ viele Aufgaben auch jeweils zur nächsten Sitzung gegeben, die dann unter Benotung der Beteiligung an der Diskussion ausgewertet wurden.
Zum Ende des Semesters wurde die Arbeitsbelastung noch einmal relativ hoch, da in den meisten Kursen Abschlussklausuren plus Hausarbeiten, bzw. Essays anstanden, die nun alle auf Russisch verfasst werden mussten.
Angenehm im Studium waren auf jeden Fall die Rahmenbedingungen, die durch das recht gute Essen in den Mensen und die Bibliotheken und Aufenthaltsbereiche an fast allen Standorten gegeben sind. Nachdem der Hauptcampus gerade zu diesem Semester fertig renoviert und gebaut wurde, hat die HSE nun einen neuen Komplex, an dem sich gut die Zeit verbringen lässt und die Bibliothek sogar 24/7 geöffnet ist.
Toll sind auch die zahlreichen Möglichkeiten Sport an der Uni zu machen, oder sich kulturell zu betätigen. Was schnell nervig werden kann in Russland ist das Einlasssystem, welches an Universitäten nur den dort Studierenden Zugang gewährt, was es anderen Interessierten erschwert fakultative und damit faktisch öffentliche Veranstaltungen zu besuchen.
Letztlich bin ich zufrieden mit dem Semester, das ich an der Higher School of Economics verbringen konnte. Mit den Noten bin ich soweit zufrieden, da ich zwar einiges an Zeit und Energie investierte, jedoch auch nebenbei verschiedenen Veranstaltungen und Projekten folgen konnte. Ergebnisse im Sinne neuen Wissens nehme ich einiges mit, da ich in einigen Kursen, z.B. sowjetische Kunst der 30-50er Jahre oder der russischen Perspektive auf China oder regionale Konflikte in der Welt, Einblicke bekam, die ich so sicherlich nur hier bekommen konnte.
In den vier Monaten in Moskau hatte ich die Möglichkeit die Stadt von einigen ihrer vielen Seiten kennenzulernen, mit verschiedensten Menschen in Kontakt zu kommen und durch die HSE als einer der besten Universitäten des Landes Einblicke in die Akademia des Landes zu bekommen, das so reich an Kultur und Möglichkeiten und ebenso reich an Problemen ist. Dass die Studierendenschaft an dieser Uni so aktiv an den Protesten im Sommer 2019 teilnahm, war kein Zufall, doch die Möglichkeit auch im geschützten Raum der Hochschule politisch zu diskutieren, wurde gerade zu meiner Zeit versucht administrativ einzuschränken – leider, wie es aussieht, mit Erfolg.
Das Semester gab mir die Gewissheit, dass ich ohne Probleme auch auf Russisch studieren kann und sich hierdurch ganz neue Quellen und Forschungsräume auftun, die außerhalb des Sprachraumes nicht mitabgedeckt werden können.
Unteres Bild, Sunset over Moscow: Evgeniya - stock.adobe.com